Willkommen im Kunderbunt der Retrospektive


Allerlei und durcheinander,

so wie es sein soll oder eben erlebt wird.

12 Mai 2008

Verdingbub

Was heute Abend mit einem etwas bösen Gespräch begann endete in einer guten Diskussion.

Die Berner sind alles eine Lumpenbande, ihr könnt nicht bis vor die Nasenspitze denken.


Höre ich sehr oft in letzter Zeit von einem Pflegeempfänger. Heute platzte mir der Kragen und ich konterte zurück: wir Berner denken doch das selbe von euch. Heiss, heiss was ich da von mir gab, aber nur so kam ich mit ihm ins Gespräch. Denn ich wollte den Ursprung dessen wissen, warum er so ein Hass auf uns Berner hat. Er schweifte ab, erzählte vom Krieg, vom Bundeshaus, von Bienen. Irgendwann kam es dann
Mein Vater war ein Verdingbub und wurde nach Bern gebracht
Toll was kann ich dafür, aber es ist ein ziemliches Tabuthema hier in der Schweiz, man spricht nicht gerne darüber wie diese Knaben lebten. Auch ich weiss nicht viel darüber.


Zitat:
„Dort waren bereits viele Leute versammelt. Leute, welche Kinder brachten, Leute, die Kinder an Kost nehmen.“ Diese Szene schildert nicht etwa einen Sklavenmarkt, sondern eine so genannte Bettlergemeinde in einem Berner Bauerndorf. In seinem „Bauernspiegel“ beschreibt Jeremias Gotthelf, wie das Kind einer verarmten Familie auf diesem Menschenmarkt als billige Arbeitskraft an eine Bauernfamilie verdingt wird. Es wird fortan nicht mehr mit seinem Namen gerufen, sondern ist nur noch „dr Bueb“, ein Niemand, den man wohl oder übel durchfüttern muss, der jedoch keinerlei Anspruch auf Verständnis oder Liebe hat.

Als er nach einem verheerenden Hagelwetter den Meister über die Verluste im Obstgarten trösten wollte, reagierte der Bauer auf das Mitgefühl des damals 14-Jährigen mit einer heftigen Tracht Prügel. Der blutig geschlagene Turi musste seine Verletzungen während Tagen im Schweinestall ausheilen.

Armut als Makel

Im Verständnis der mittelalterlichen Gesellschaft hatte der Arme eine bestimmte Funktion: Er sollte besser situierte Menschen zu Werken der Barmherzigkeit aufrufen und als Gegenleistung für empfangene Mildtätigkeit für das Seelenheil der Wohltäter beten. Im Spätmittelalter wurde immer stärker zwischen würdigen, weil arbeitsamen oder aber kranken und invaliden Armen, sowie arbeitsscheuen und somit „unwürdigen“ Armen unterschieden.
In der Neuzeit kam es zu einem Begriffswandel. Armsein war nicht länger ein Geschick, sondern vielmehr Kennzeichen einer bestimmten Bevölkerungsschicht. In der Schweiz richteten die Gemeinden ein Fürsorgesystem ein, das den jeweils heimatberechtigten „Armengenössigen“ Beistand bot und Ortsfremde ausschloss. Der Berner Historiker Oliver Schihin kommt im Rahmen eines Beitrages zur Geschichte der Gemeinde Worb auf eine besondere, offenbar in ländlichen Gemeinden gängige Form der Armenversorgung zu sprechen. Nach einem durch Los bestimmten Rotationssystem wurden die Bedürftigen – „Umgänger“ genannt – von Bauernhof zu Bauernhof verschoben und dort während einiger Zeit beherbergt. Zur Gruppe der Umgänger gehörten zuweilen auch Kinder und Jugendliche, die im Verding nicht mehr tragbar oder immer wieder entlaufen waren.

Quelle: http://www.kath.ch/index.php?na=11,0,0,0,d,17858

Sind wir eine Armselige Gesellschaft und so wundert es nicht, dass der Hass sich ein gefressen hat und nie mehr los lassen will. Aber nicht nur in der Schweiz, wurde dies so gehandhabt. Meine Arbeitskollegin aus Norddeutschland meinte: Was glaubst du warum die Deutschen über die Schwaben lästern?

1 Kommentar:

Axel hat gesagt…

Wie ähnlich doch alles ist. Kann dies und jenes nachvollziehen. Und wie deine Kollegin sagt, ist es auch.
Prinzipiell ist es so, kommt ein "Wessi" zu uns "Ossis" wird der grundsätzlich gehasst. Man hört oft, die sind alle nur arrogant und wissen alles besser. Das stimmt zugegebenermaßen zum Teil. :-) Andersrum ist es so, als Ossi ist man dumm und rafft nix. Das mag aus derer Sicht stimmen. Das Problem ist aber ein altes Deutsches Problem wie ich finde und basiert oft nur auf Uninformiertheit und eben gerade unterschiedlichen Entwicklungen der Regionen. Oft wird nur pauschalisiert und vom Hören-Sagen gehandelt. Also ich kenne genug Wessis, die würden von ihrer Art her genauso gut in das Ossi Schema passen. Andersrum trifft das genauso zu. Letztes Jahr meinte mal ein Kumpel zu mir, du bist wie ein Wessi. Nur an Kohle denken, wie ein Geschäftsmann handeln und für alles ne Antwort wissen. *gg*
Aber, diese Problematik gab es schon immer. Zu Ost-Zeiten gab es genug Argwohn zwischen Sachsen und Berlinern, uns anhaltinischen Bürgern gegenüber den "Fischköppen" usw.
Wir werden ja leider fälschlicherweise immer als Sachsen hier bezeichnet, wobei wir genau genommen Thüringer sind. Und auch bei uns wird jeder Sachse belächelt. Grund: Dialekt und dann nicht wirklich für voll genommen.

Ich traue mir zu behaupten, sowas gibt es in jedem Land dieser Welt. Der Mensch hat eben Angst vor "Neuem", was andere Menschen mit ihren "Sitten" auch darstellen.

Im Endeffekt hast du aber was dazugelernt Cathy. Genau das ist es, warum ich selber Menschen nicht nach ihrer Herkunft unterscheide. Man lernt immer neue Dinge kennen, was unheimlich bereichern kann.

Klasse Beitrag und sehr interessant und vor allem was Neues gelernt! *blinzel*